Bassem Abu Rahmah ist tot

2009 April 25
by marvocado

Ich schreibe aus dem beschaulichen Dorf Bil’in im nördlichen Ramallah Distrikt. Hier findet momentan eine Konferenz zu friedlichen Protestformen gegen die israelische Besatzung Palästinas, die israelischen Siedlungen und vor allem gegen die Mauer (Sicherheitssperranlage) statt. Zu der Konferenz später näheres.

Erst möchte ich von einem Ereigniss berichten, dass das gesamte Dorf sowie viele israelische und internationale Aktivisten, mir inklusive, sehr beschäftigt: Am letzten Freitag, dem 17. April, wurde bei einer der seit vier Jahren stattfindenden Demonstrationen gegen die israelische „Sicherheitssperranlage“ in Bil’in ein Aktivist aus dem Dorf von einem Tränengasgeschoss aus nächster Nähe erschossen. Bassem Abu Rahmah war 31 Jahre alt und eines der aktivsten Mitglieder des Bil’in Popular Comitee, welches Anfang diesen Jahres zusammen mit den israelischen Anarchists Against The Wall in Deutschland mit der Carl Ossietzky Medaillie für besondere Verdienste um die Menschenrechte ausgezeichnet wurde. So gut wie jeder Teilnehmer jedweder Demonstration in Bil’in erinnert sich an Bassem, wegen seiner Körpergröße auch „Al Pheel“ (Der Elefant genannt). Er strahlte immer Motivation aus und begrüßte seine Freunde und die, die es noch wurden, mit einer nahezu überschwinglichen und doch ernstgemeinten Freude.

Die Demonstration am Freitag lief wie gewöhnlich, so bald sich die Demonstration dem Apartheidszaun näherte wurde sie mit Tränengasgeschossen empfangen. Auch wie gewöhnlich antworteten einige Jugendliche mit Steinwürfen in Richtung der israelischen Soldaten auf der anderen Seite des Zaunes. Bassem ging mit einigen Mutigen ganz nach vorne in den Tränengasnebel und schrie den Soldaten zu, dass sie das Schießen einstellen sollten um es den Demonstranten zu ermöglichen einige Ziegen, die sich in Mitten des Geschehens verirrt haben aus der Reichweite des Tränengases herauszuleiten. In dem Moment schoß einer der Soldaten, der in dem Moment etwa 40m von Bassem entfernt stand, ein Tränengasgeschoss auf ihn ab und traf ihn im Bauchbereich. Bassem brach sofort zusammen und starb auf den Weg ins Krankenhaus. Die Bitte einen Krankenwagen durch das Tor im Zaun zu lassen um Bassem auf schnellstem Wege ins Krankenhaus zubringen verweigerten die Soldaten, stattdessen schoßen sie weiter und erschwerten den Helfern Bassems Abtransport.

Das Geschoss, das auf ihn abgefeuert wurde ist für Distanzen von bis zu 500m bestimmt. Der Einsatz solcher Geschoße ist nach israelischem Gesetz auch nur auf Hohe Distanzen erlaubt und selbstverständlich ist es verboten mit einem solchen Geschoß direkt auf Menschen zu zielen. Trotz dieser Verbote ist es längst Gang und Gebe geworden, dass diese Geschosse direkt auf Personen geschossen werden statt in hohem Bogen auf Menschenmengen um sie auseinanderzutreiben. Glücklicherweise wurde der aktuelle Vorgang gefilmt und somit sah sich die israelische Armee nun gezwungen einzuräumern, dass der Einsatz dieser Geschosse auf ebendiese kurze Distanz illegal gewesen sein könnte und versprach Ermittlungen einzuleiten. Bei dutzenden ähnlichen Fällen auf anderen Demonstrationen blieb diese Ermittlung aus, da der Vorfall nicht so gut dokumentiert war wie in vorliegendem Fall und jeglichen Zeugenaussagen kein Glauben geschenkt wurde. Es ist auf vielen Demonstationen gegen die Mauer zu sehen, dass Tränengasgeschosse eher als Waffen, denn als „crowd dispersals“ eingesetzt werden. Aufgrunddessen sind auf den unterschiedlichen friedlichen Demonstrationen gegen die Mauer schon 18 Menschen mal durch Tränengasgeschosse, mal durch Gummigeschosse (bei denen es sich um eine Patrone mit einem dünnen Gummi Überzug handelt) und sogar mit echter Munition, erschossen worden. Im friedlichen Widerstand des Dorfes Bil’in ist Bassem jedoch der erste (und hoffentlich auch der letzte) der sein Leben lassen musste.

Es ist eine Schande, dass (auch die deutschen) Medien mal wieder die Tatsachen verdrehen und die Demonstration als einen aggressiven, Steine schmeißenden Mob bezeichnen und diesen Mord an Bassem somit indirekt rechtfertigen oder zumindest runterspielen. Es tut mir weh, dass der Tod Bassems, den ich von vorigen Demonstrationen persönlich kannte, eher als Notwehr gegen einen Terroristen, denn als Mord an einem friedlichen Demonstranten beschrieben wird.

Die friedlichen Demonstrationen in Bil’in und anderen Dörfern in der Westbank sind ihre einzige Hoffnung etwas zuändern. Durch diese Proteste zeigen sie 1. den Israelis, dass sie nicht so leicht aufgeben und es nicht akzeptieren, dass ihnen Hektarweise Land gestohlen wird. 2. erlangen die Dörfer eine gewisse mediale Bekanntheit und machen ihr Anliegen somit einer bretiteren Masse sichtbar. Dadurch erhoffen sie sich 3. dass internationale Aktivisten, die auf den Demonstrationen teilnehmen, ebenso wie Menschen, denen durch die mediale Präsenz der Demonstrationen die Lage vor Augen geführt wird Druck auf ihre Regierungen ausüben, um den Ton gegenüber Israels Besatzungs- und Landkonsfizierungspolitik zu verschärfen.

Diese friedlichen Demonstrationen und das Hoffen auf Hilfe von Außen sind die einzigen gewaltlosen Optionen, denen sich die Palästinenser auf dem Weg zu einem gerechten Frieden gegenübersehen. Denn die Hoffnung auf Erfolg durch Verhandlungen haben die meisten Palästinenser schon seit dem gescheiterten Oslo Abkommen aufgegeben.

  1. 2009 April 27
    sonjusch Permalink

    es ist einfach nur traurig und die (deutschen) Median beweisen mal wieder, wie heuchlerisch sie sind.

  2. 2009 Mai 4
    Roza Permalink

    traurig, schlimm, unfassbar, und das böseste: kein Einzelfall

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